Kai - Die Regeln in Zen

Wir sind keine Klostermönche (und Meister Deshimaru wollte auch keine ). Wir leben unser Zen-Leben mitten im Alltag. Die Zen-Praxis, die Praxis von Zazen, ist der Mittelpunkt unseres Lebens. Alles Andere, Beruf, Familie, Studium, politisches und soziales Engagement, Sport, Freizeit und Vergnügen, ist um diesen Mittelpunkt herum angeordnet, ist auf diesen Mittelpunkt bezogen. Um unser ganzes Leben auf Zen beziehen zu können, müssen wir es auf Zen hin ordnen, in Regeln bringen. Die im Zen gültigen Regeln sind die Kai, die Ordensregeln der Sangha. Die Kai sind die Anwendung des edlen achtfachen Pfades auf das konkrete Alltagsleben. Früher gab es 250 Vorschriften für die Mönche und 328 für die Nonnen. Darin war vieles enthalten, was mit der Buddhalehre gar nichts zu tun hatte, sondern einfach der indischen Lebensweise jener Zeit entsprach. Mit der Ausbreitung der Buddhalehre in Länder mit anderer Lebensweise haben sich also auch diese Vorschriften geändert. Die 10 fundamentalen Kai sind davon übrig geblieben und sie enthalten wirklich die Essenz. Sie umfassen ganze Themenkomplexe, was auch erklärt, warum die Anzahl der Vorschriften scheinbar kleiner geworden ist. Die Kai haben nicht die indoktrinierende Form: "Du sollst, Du sollst nicht, Du darfst nicht, du musst" u.s.w. Sie sind ganz sachlich. Es geht bei allen Kai nicht um das blinde Befolgen einer Vorschrift, sondern um die eigenverantwortliche Auseinandersetzung mit den Sachverhalten, mit unseren Handlungen. Der Buddha sagte kurz vor seinem Tod, als es um die Nachfolge der Leitung der Sangha ging: "Niemand soll sich als Leiter vordrängen, die Lehrer sollen lehren, die Schüler sollen lernen. Ihr selber seid euch Schutz und Zuflucht." Mit dieser Meinung werden bei den Ordinationen die Kai übergeben. So können und sollen wir die Kai als Anleitung verstehen und sie sinngemäß in unserem Leben als Richtschnur verwenden. Und so besteht das Zen-Leben darin, unseren Alltag so zu ordnen, dass wir regelmäßig (möglichst in der Gemeinschaft eines Dojo) Zazen praktizieren können und die Kai zur Richtschnur all unserer Handlungen machen. Im Folgenden sind die Kai-Namen und Übersetzung aufgelistet und es sind einige Hinweise zu ihrem Verständnis gegeben. Je nach Lebenserfahrung mag jeder weitere Beziehungen sehen und berücksichtigen.

1. Dai ichi fu sessho kai (Nicht töten)
Dass wir nicht aus egoistischen Antrieben jemanden töten wollen, dürfte klar sein. Das Thema geht aber weiter: Ohne zu töten können wir nicht leben, und wenn wir lediglich den Salat abschneiden, um ihn zu essen. Wie verhalte ich mich im Kriegsdienst? Was ist mit Notwehr? Euthanasie? Sterbehilfe? Selbstmord? Abtreibung? Kampfkünsten? Der gewinnbringende Verkauf des Aktienpaketes kann zum Hungertod vieler Menschen führen. Auf der Grundlage des fusessho kai müssen wir in jedem Einzelfall eigenverantwortlich entscheiden und handeln.

2.Dai ni fu chuto kai (Nicht stehlen)
Auch dieses Kai umfasst viel mehr, als der Wortlaut vermuten lässt. Etwas Geliehenes nicht zurückgeben, ist auch stehlen. Wie weit kann ein für die Wirtschaft und für das Funktionieren der Gesellschaft durchaus erstrebenswerter Gewinn gehen? Der Wucherpreis ist auf jeden Fall Diebstahl, die ungerechte Entlohnung auch. Desgleichen jede Vorteilserschleichung, jedes Annehmen einer Leistung ohne entsprechende Gegenleistung. Dieses Kai reicht bis zum verantwortlichen Umgang mit Natur und Bodenschätzen.

3. Dai san fu jain kai (Kein schlechtes Sexualleben führen)
In der alten Sangha zu Buddhas Lebzeiten galt das Zölibat und Sexualität war überhaupt kein Thema. Mit der Ausbreitung des Buddhismus in andere Länder und Kulturen wurde es eines. Die Entwicklung der Kulturen, die Gesetzgebung und die gesellschaftliche Akzeptanz haben sich immer wieder geändert. Das Thema umfasst den ganzen Bereich vom freiwilligen Zölibat, über heilige Ehesakramente bis zur freien Liebe.

4. Dai yo fu mogo kai (Nicht lügen)
Auch dieses Kai reicht weit über den Wortlaut hinaus. Zunächst einmal ganz klar: Nicht Lügen. Und weiter: Was ist Lüge, was Wahrheit? Haben wir immer genügend Informationen, um die Wahrheit zu erkennen? Kann der Andere die ganze Wahrheit ertragen? Manchmal gibt es mehrere Wahrheiten. Was ist mit Notlügen? Werbung? Wahlversprechen? Halbwahrheiten? Taktisch klugen Formulierungen? Auch zu diesen Sachverhalten müssen wir eine eigenverantwortliche Einstellung finden, damit nicht am Ende doch die Lüge steht. Viele Menschen leiden unter ihrer eigenen großen Lebenslüge.

5. Dai go fu kosho kai (Nahrung und Getränke nicht missbrauchen und darüber den Verstand verlieren)
Man kann sich krank essen und bis zur Bewusstlosigkeit saufen. Im Vollrausch kann man dann die anderen Kai brechen, von Lügen und Stehlen über Sexualität bis zum Töten. Hier ist wieder eigenverantwortliches Verhalten nötig. Gegen das Glas Wein mit guten Freunden haben wir nichts. Alkohol war in der alten Sangha verboten, ebenso der Handel damit. Das schließt automatisch andere Drogen mit ein. Im übertragenen Sinne meint das auch, den Menschen nichts Berauschendes zu geben, von beschönigender Trost-Religion bis zu politisch-ideologischen Versprechungen. Nicht das Bewusstsein der Leute manipulieren, nicht mit Alkohol, nicht mit Drogen und nicht mit Schönrederei. Dieses Kai meint letztlich: Keine Extase, keine Vergiftung, keine Bewusstseinstrübung.

6. Dai roku fu aku ko kai (Nicht selbstgefällig sein und andere kritisieren)
Dieses Kai wird in der diskussionsfreudigen westlichen Gesellschaft gerne missverstanden. Es geht nicht darum, jeden Fehler zu dulden, nur um nicht zu kritisieren. Wir müssen genau unterscheiden zwischen Kritisieren und Korrigieren. Wenn die Kritik eines Fehlers sachlich richtig ist und zudem noch freundlich und ehrlich vorgebracht wird, ist sie eine wichtige Hilfe, um den Fehler zu korrigieren oder zu beseitigen. Dieses Kai wird jedoch dann verletzt, wenn die Kritik aus dem Ego kommt, den anderen runter macht, statt ihm zu helfen. Und dieses Kai wird auch verletzt, wenn vor lauter Nettigkeit und falsch verstandener Harmonisierung Fehler nicht als solche behandelt werden. Es ist ja gut, wenn die Leute sehr aktiv sind und sich einsetzen. Aber sie dürfen nicht zu der Einstellung kommen: Ich bin gut, ich bin immer da, die anderen sind schwach. Meister Deshimaru zitierte in diesem Zusammenhang ein Sutra, wo es heißt: Wenn der Meister, um viele Schüler zu haben, zu nett zu ihnen ist und sie nicht wirklich ernsthaft erzieht, so bedeutet das auch dieses Kai zu verletzen.

7. Dai shichi fu ken hozai kai (Nicht geizig sein, nicht zuviel begehren)
Dieses Kai lehrt das Fuse, die Gabe. Man unterscheidet materielle und immaterielle Gaben. Das Fuse muss wirklich von Herzen kommen, ohne Nebenabsicht. Man erwartet keine Gegenleistung, es ist schließlich kein Handel. Nicht sich durch die Gabe Freunde kaufen wollen. Niemanden von den Gaben (materiell oder immateriell) abhängig machen. Auch Weisheit ist nötig. Wenn man immer nur gibt, hindert man den Empfänger, für sich selbst zu sorgen. Meister Deshimaru sagte: "Wenn ein reicher Mann seinem Sohn immer Geld gibt, lernt dieser nie, selbst etwas zu verdienen." Das größte Fuse ist das Dharma zu geben, die Buddhalehre. Dieses Fuse ist die Gabe von Frieden, Vertrauen, geistiger Freiheit. Spendenaufforderungen mögen einen guten Zweck verfolgen, sind aber schon von ihrem Aufforderungscharakter her keine Fuse. Der Dojobeitrag ist ebenfalls keine Fuse, sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Kosten für den Unterhalt und den Betrieb eines Dojo müssen selbstverständlich von den Teilnehmern aufgebracht werden. Wo sollen sie sonst herkommen?

8. Dai hachi fu rosetsu kai (Nicht in Wut geraten)
Wut ist sinnlos, das Ego wütet gegen die äußeren Umstände. Wir müssen diese Umstände analysieren. Wodurch sind sie entstanden? Wie lassen sie sich ändern? Und wir müssen die Energie der Wut positiv nutzen. Die Zen-Geschichte ist voll von Meistern, die ihre Schüler heftig schlugen. Es war die Energie der Wut, eingesetzt mit Liebe und Mitgefühl, um den Schüler zu erziehen. Aber achtsam sein, dass das Ego sich nicht einmischt.

9. Dai kyu fu anken kai (Keine irrigen oder dogmatischen Ego-Ansichten haben)
Jeder von uns hat seine eigenen Ansichten, teils auf Erfahrungen gegründet, teils von anderen übernommen. Aber immer entsprechen sie unserem in Kategorien gefangenem Denken, unserem Ego-Denken. Andere Menschen haben aus den gleichen Gründen ebenfalls ihre eigenen Ansichten. Gerade über nicht beweisbare Meinungen gibt es endlose Diskussionen, die oft in Feindschaft enden: Gibt es eine Seele? Ist sie ewig? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Buddha hatte sich in seiner Zeit gegen alle komplizierten Philosophien und Mythologien Indiens gewandt, ohne eine zu bevorzugen. Aus unserer Zazen-Praxis heraus können wir auch einen höheren Standpunkt finden, der verschiedene Ansichten zulässt. Die andere Ansicht nicht missachten und nicht aus falsch verstandener Harmonisierung unsere begründete Ansicht aufgeben. Wenn wir bereit, sind unser Ego aufzugeben, ist das möglich. Fanatismus ist immer schlecht.

10. Dai jiu fu bodayu bosanbo kai (Nicht die drei Schätze missbrauchen)
Die drei Schätze Buddha, Dharma, Sangha. Die Verwendung der drei Schätze für das Ego ist die Übertretung dieses Kai. Das heißt: Nicht bequem auf Kosten der Sangha leben, nicht für eigenen Ruhm das Dharma lehren, nicht die Buddhalehre benutzen, um andere gegen ihren Willen zu beeinflussen. Nicht für sich selbst Vorteile aus den drei Schätzen ziehen wollen (Mushotoku = non Profit). Meister Deshimaru sagte, das größte Kai ist Zazen. Zazen enthält alle Kai. Während des Zazen kann man weder töten noch stehlen, keinen Alkohol trinken, nicht schlecht reden u.s.w. Zazen ist die wahre Praxis der Kai. Regelmäßig Zazen praktizieren, möglichst in Gemeinschaft und im Alltag die Kai beachten, das ist die lebendige Buddhapraxis. Und dazu braucht man nicht in Japan zu leben. Man sagt, die Ordination, und als deren Symbol das Rakusu, schützt den Bodhisattva. Nun, dieses Stück Stoff kann höchstens vor den ersten drei Regentropfen schützen. Was wirklich schützt, ist unser eigener Geist. Der Entschluss, den Buddhaweg zu gehen, Zazen zu praktizieren und gemäß den Kai zu leben, das ist der wahre Schutz, für uns selbst und für die anderen.

Mit der freundlichen Unterstützung von Günter Friedeberg
Der Text wurde aus dem Buch "Das Zen-Brevier" entnommen.
Das Buch ist im Selbstverlag erschienen,
Bezugsquelle:
Günter Friedeberg
Neußer Straße 611
50737 Köln